„Altenstein“ von Julie von Kessel – Vom Zerfall einer Adelsfamilie nach 1945

Der Debütroman der ZDF-Journalistin Julie von Kessel erzählt packend Flucht und Zerfall einer Adelsfamilie aus den ehemaligen Ostgebieten. Hörbuch-Tipp.

Millionen von Deutschen flüchteten ab Ende 1944  vor der anrückenden russischen Armee in den Westen. So auch die adlige Familie von Kolberg in Julie von Kessels Debütroman „Altenstein“. Eindrucksvoll erzählt die Autorin darin, was die zehn Kinder und ihre Mutter während der Flucht aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten erleben, wie die Familie im Rheinland von vorne anfangen muss, sich nach der Wende aber immer mehr zerstreitet und darüber fast zerbricht.


Winter 1944 auf Gut Mohrungen in der Nähe von Königsberg: Als die Front immer näher rückt, bringt Gräfin Agnes von Kolberg nach und nach ihre zehn Kinder in Sicherheit – zuletzt ihren jüngsten Sohn Konni:

„Konni jauchzt und winkt, seine Mutter winkt leicht zurück, dann legt sie ihre Hand an die Scheibe. Der Zug rollt an, seine Mutter geht neben ihnen her, sie ist ganz nah, ihr Blick hängt an Konrad. Der Zug beschleunigt, noch berühren ihre Fingerspitzen das Fenster, dann zieht seine Mutter die Hand zurück und wird plötzlich von der Menschenmenge verschluckt.“

Erst später folgt die eigenwillige Gräfin ihren Kindern und trifft sie auf dem Sommersitz im brandenburgischen Altenstein wieder. Doch auch hier findet die Familie nur für kurze Zeit Zuflucht.

„Vor ein paar Tagen waren zwei Männer ins Haus eingedrungen und hatten sie ausgeraubt. Zum Glück war nichts weiter passiert, aber das Erlebnis hatte Agnes, die sonst so furchtlos war, tief beeindruckt. Auch sie würde die Kinder im Notfall nicht schützen können.“

So macht sich die Familie wieder auf den Weg und landet schließlich im rheinischen Bonn. Völlig verarmt wachsen die vier jüngsten Kinder dort auf und gehen fortan gemeinsam durch Dick und Dünn.

„Abends um elf öffnet Nona leise Konnis Tür und schleicht in sein Zimmer. ‚Konni, du hast mich gerettet! Das Bußgeld! Du hast es doch bezahlt, oder?‘ Konni antwortet nicht. ‚Komm, ich habe deine Unterschrift gesehen. Auf dem Bußgeldbescheid. ‚Kardinal von Kotze‘? Das kannst ja wohl nur du gewesen sein.'“

Doch dann kommt die Wende – und mir ihr ein erbitterter Streit über den verloren geglaubten Familienbesitz, an dem die Familie zu zerbrechen droht:

„Das Gut gehört uns! Wir nehmen es niemandem weg!“ „Keiner sollte etwas zurückbekommen, schon aus sozialen Gründen nicht. Was glaubt ihr, wäre in Deutschland los? Niemand hat ein Interesse daran, zu den alten Verhältnissen vor dem Krieg zurückzukehren, mit Junkern und Großgrundbesitzern. Wollt ihr das etwa? Wollt ihr zurück nach Altenstein ziehen, den Schmied aus dem Dorf wieder einstellen, den Förster?“

„Altenstein“ ist der bei Rowohlt erschienene Debütroman der ZDF-Journalistin Julie von Kessel. Eine packende Familiengeschichte – gelesen von der Schwester der Autorin, der Schauspielerin Sophie von Kessel.

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